Das Windpferd mit der Nummer 33
27.08.2010
Bad Neuenahr: Über Bianca Rech steht schon vieles geschrieben. Auf ihrer Homepage (http://www.biancarech.de/) kann man nachlesen, was diese Fußballerin schon alles erreicht hat: Dreimal Deutsche Meisterin und Pokalsiegerin, den UEFA-Cup hat sie gewonnen und die Europameisterschaft mit der U 18 errungen. Mit 16 Jahren hat sie – für den SC 07 – ihr erstes Bundesligaspiel gemacht, im Januar ist sie 29 geworden, da kann man wahrhaft von einer langjährigen Karriere sprechen. Darauf zielt auch meine erste Frage ab, als ich sie im Café Kamps treffe: „Sie sind die älteste Spielerin der Mannschaft, nennen die anderen Sie eigentlich auf dem Platz Oma?“ Sie lacht und ihre braunen Augen lächeln mit. Nein, sie wird so gerufen, wie man sie immer gerufen hat: „Jay“, in Anlehnung an den Nigerianer Jay-Jay Okocha, der bei Eintracht Frankfurt unter Dragoslav Stepanovic Kultstatus erreichte und zu ihren fußballerischen Vorbildern zählt. Allerdings hat Celia Okoyino da Mbabi sie kürzlich in einem Interview als „Mama des Teams“ bezeichnet, sie trägt den Ehrentitel mit Fassung.
Bianca Rech ist in Bad Neuenahr geboren, gegenüber vom Sportplatz. Beide Eltern, auch die Mutter, was damals noch eher ungewöhnlich war, spielen Fußball. Also landet die älteste von drei Töchtern quasi automatisch auch beim runden Leder. Sie kickt schon mit 5 Jahren bei den Jungs mit und durchläuft alle Jugendmannschaften, zunächst in Bad Neuenahr, später bei der SG Westum Löhndorf. Als man sie fragt, ob sie in einem reinen Mädchenteam mitspielen möchte, runzelt sie die Stirn. Mädchenmannschaften, gibt es sowas? Dort fällt sie wegen ihrer Überlegenheit rasch auf und so nimmt es nicht Wunder, dass sie 1997 ihre Bundesligapremiere in der Kurstadt feiert. Bis zum Jahr 2000 bleibt sie hier, dann folgt sie dem Ruf des FFC Frankfurt, wo sie ihre größten Erfolge feiert. 2004/2005 kommt sie für eine Saison zum SC 07 zurück. Bei der Rückkehr an die Ahr möchte sie die Trikotnummer 3 haben, die ist aber nicht frei. Also wählt sie die 33, die sie seitdem begleitet. Auch als sie sich einen Traum erfüllt und für ein Jahr nach Schweden geht zu Sunnana Sk. Danach wechselt sie nach München zu den Bayern. Dort wird die Nr. 33 in der letzten Saison etwas unglücklich Vizemeisterin, zum Titel fehlt nur ein winziges Törchen. Was hat sie denn veranlasst, den arrivierten Verein in der Isarmetropole zu verlassen und nach Neuenahr zu gehen? „Das hat eindeutig mit nach Hause kommen zu tun“ ist ihre Antwort. Hier, wo ihre Wurzeln sind, wo die Familie lebt, das Ende der Karriere einzuläuten, war ihr Wunsch. Das gekoppelt mit einer hoffnungsvollen jungen Mannschaft, die Perspektiven hat und erfahrene Spielerinnen wie sie braucht. Dass Trainer Thomas Obliers mit ihr zusammen die A-Lizenz gemacht hat, kommt hinzu. Sie kennt den Coach, von dem sie in den höchsten Tönen schwärmt, also von früher. Auch im Fußball gilt wohl: Man trifft sich immer zweimal im Leben.
Nach dem gelungenen Auftakt geht sie optimistisch in die neue Saison, hofft, ihre Stärken im Zweikampf und Kopfball gewinnbringend einsetzen zu können und sich in ihrer Schnelligkeit noch zu verbessern. Sie will mit dem Perspektivteam im oberen Drittel mitmischen und im Pokal weit kommen, möglichst bis ins Endspiel. Auch für das Ende ihrer Karriere hat sie sich schon Gedanken gemacht. Ihr Vertrag läuft bis 2012, dann ist sie 31. Die Diplomarbeit in Sportökonomie ist geschrieben, eine Tätigkeit in einem Verein oder auch in der freien Wirtschaft, wo sie ihr Organisationstalent einsetzen kann, schwebt ihr vor.
Ich zögere ein wenig, die junge Frau mit dem grauen Puma-Shirt auf ihre Nationalmannschaftkarriere anzusprechen. Zu oft hat sie dort Rückschläge durch Verletzungen erlitten. Nach einem Durchmarsch in U 17, U 19 und U 21 gab sie 2002 gegen Norwegen ihr Debüt im A-Team, galt als große Nachwuchshoffnung. Doch wenige Wochen vor der WM 2003 erlitt sie einen Kreuzbandriss. Sie kämpfte sich zurück, der eiserne Wille, typisch für Wassermänner, half ihr dabei. Die Chance, an den Olympischen Spielen 2004 in Peking teilzunehmen, war groß. Da riss wieder das Kreuzband. Und als sie endlich mal ohne Blessuren bleibt, wird sie 2007 trotz guter Leistungen nicht für die WM nominiert, viele Experten können das nicht nachvollziehen. „Ist die Nationalmannschaft noch ein Thema?“ versuche ich es vorsichtig. Die Antwort fällt erstaunlich gelassen aus. „Natürlich. Gottseidank gehöre ich nach wie vor zum Kader, der Kontakt zu Bundestrainerin Neid besteht. Und bei einer WM im eigenen Land will man ganz klar dabei sein. Aber ich sehe das nicht mehr so verbissen wie früher.“ Woher kommt diese Gelassenheit, die sie auch sonst ausstrahlt? Das Geheimnis liegt im Glauben. Der kleine Buddha als Glücksbringer in der Sporttasche ist nicht nur ein Talisman. In Thailand – Bianca Rech reist gerne – kam sie mit dem Buddhismus in Kontakt, besuchte ein Kloster. Seitdem fühlt sie sich zu dieser Religion hingezogen, meditiert und widmet sich der buddhistischen Lehre. Zeugnis davon ist eine Tätowierung auf der Unterseite des linken Oberarms. Es zeigt das Schriftzeichen einer tibetischen Gebetsfahne und bedeutet Windpferd. Dieses Windpferd, Lung-Ta genannt, gilt als Sinnbild für kraftvolle Energie, soll positive und segensreiche Erwartungen wecken, bei manchen steht es auch als Synonym für die Seele.
Womöglich wird diese Ruhe, die sie ausstrahlt, der Schlüssel für ihre Rückkehr in die Nationalmannschaft. Wenn man das Glück nicht erzwingen will, kommt es manchmal von ganz alleine. Sollte sie eine starke Hinrunde spielen und verletzungsfrei bleibt, ist vieles möglich, das Potenzial dazu hat die 1,67 m große Defensivspielerin mit Offensivqualitäten allemal. Dazu passt, welches Buch sich die stets freundliche und hilfsbereite Jay gerade bestellt hat: „Weit gegangen“ von Dave Eggers beschreibt den quälend langen Weg des Valentino Achak Dengvon von seiner Flucht aus dem Sudan in die USA. Manchmal muss man lange Wege gehen und duldsam werden, um wirklich anzukommen.
Und auch das macht das Bild rund: Die einst eher verwegene Bianca, die eine sehr talentierte Kartfahrerin war und dabei auch einen strammen Crash baute, hat dem Motorsport abgeschworen und sich dem Golf verschrieben. Sie arbeitet geduldig und begeistert an ihrem Handicap. Vermutlich liegt der kleine Buddha nun auch gelegentlich im Golfbag.
Quelle: BLICK aktuell Bad Neuenahr vom 25. August 2010 von Gregor Schürer